„Wir steuern auf einen Kollaps zu“

AWO Thüringen warnt vor Zusammenbruch des Pflegeversicherungssystems

Schon lange warnt die AWO Thüringen vor dem Kollabieren der Pflegefinanzierung – dass der Bund, wie nun bekannt wurde, ab 2024 seinen Zuschuss zur gesetzlichen Pflegeversicherung zu streichen plant, würde das System an den Rand des Zusammenbruchs bringen. Bisher hatte der Bund die Pflegeversicherung mit jährlich einer Milliarde Euro unterstützt.

„Wir fordern eine strukturelle Änderung des Finanzierungssystems in der Pflege“, so die AWO-Landesgeschäftsführerin Katja Glybowskaja. Bisherige Reformansätze griffen zu kurz oder sind schnell verpufft. Aktuell finanziert sich ein Pflegeheimplatz aus einem festen Beitrag der Pflegeversicherung und einem variablen – stetig steigenden – Eigenanteil. „Hier braucht es einen Paradigmenwechsel: Wir fordern eine Pflegevollversicherung oder zumindest die Deckelung der Eigenanteile für die Senioren. Pflege muss als zentraler Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge verankert werden und für die Menschen planbar sein“, bilanziert Katja Glybowskaja.

Schon heute liegt der Eigenanteil für die Bewohnerinnen und Bewohner von Seniorenpflegeheimen in Thüringen bei rund 2.500 Euro. Die aktuellen Preissteigerungen, Inflation und Tariferhöhungen lassen die Eigenanteile weiter kräftig ansteigen – die Pflegekassen prognostizieren monatliche Erhöhungen von bis zu 500 Euro. Über 30 Prozent der Senioren können den Eigenanteil bereits jetzt nicht selbst stemmen und sind auf Sozialhilfe angewiesen. „Pflege darf nicht in die Altersarmut führen – das hat auch was mit Respekt vor der Lebensleistung dieser Generation zu tun“, mahnt Katja Glybowskaja.

Insbesondere die Tarifsteigerungen sind für die Träger von Pflegeeinrichtungen aber ein unverzichtbarer Baustein im Kampf gegen den Personalmangel in der Pflege – und gegen den drohenden Versorgungsnotstand. „Die demografische Entwicklung sorgt für ein Ungleichgewicht – auf immer mehr Menschen mit Pflegebedarf kommen zunehmend weniger Menschen im berufstätigen Alter, gerade im ländlichen Raum“, so Glybowskaja. „Erste Einrichtungen in Thüringen mussten wegen Personalmangel bereits Wohnbereiche vorübergehend schließen oder einen Einzugsstopp verhängen.“  Umso wichtiger ist es, den Pflegeberuf attraktiv zu halten: Die Löhne der AWO Thüringen steigen in 2024 um bis zu 15 Prozent. „Mehr finanzielle Anerkennung für die Kolleginnen und Kollegen ist wichtig – das darf nicht automatisch mehr finanzielle Belastung für die uns anvertrauten Menschen bedeuten.“

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